Harry Gatterer:
Zukunft ist sein Beruf

Er sagt nicht voraus, was morgen passieren wird und auch mit Hellseherei hat seine Arbeit nichts zu tun – aber Harry Gatterer hat eine fundierte Vorstellung davon, wohin sich unsere Welt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Viele bezeichnen ihn als Zukunftsforscher, er selbst sieht sich aber mehr als Entdecker und Entwickler, der sein Know-How dazu nutzt, um Unternehmen den Übergang in die Zukunft zu ermöglichen.

„Ich bin ein Mensch, der Freude mit einem weißen Blatt Papier hat. Damit fühle ich mich, im Gegensatz zu einem vollgetexteten Formular, wohl. Und dieser offene Raum ist es auch, der mich an der Zukunft am meisten reizt“, sagt er. „Zu einem gewissen Teil ist die Zukunft natürlich determiniert, weil wir die Früchte vergangener Entscheidungen ernten. Vieles ist aber auch noch offen – was ist schon offener als die Zukunft?“

Gatterer begegnet der Zukunft mit „kritischem Optimismus“, Zukunftspessimisten hält er den Appell entgegen: „Keep it easy! Und versuchen Sie aus dieser Lockerheit heraus die Zukunft als etwas Tolles, etwas Schönes zu begreifen. Erkennen Sie die Welt, in der wir leben, und was wir Menschen geschaffen haben in ihrem Wert, denn niemand von uns würde vor 50 Jahren leben wollen.“

Ich bin ein Mensch, der Freude mit einem weißen Blatt Papier hat.

Mit dem Zukunftsinstitut, das er als Geschäftsführer leitet, verfolgt Gatterer die Vision, diese Sichtweise in die Welt zu tragen. Die Anfänge seiner beruflichen Laufbahn würden aber wohl die wenigsten erraten: „Im Alter von 20 Jahren habe ich mich mit einem Möbelgeschäft selbstständig gemacht.“ Klingt erst einmal nicht nach großem Zukunftsjob, dennoch hatte der gebürtige Tiroler schon damals ein Gespür für das Neue. „Wir haben unseren Kunden keine Möbel verkauft, sondern einen Lebensstil“, erinnert er sich. Heute Usus, aber vor über 25 Jahren eine Revolution mit Erfolg.

„Als 20-jähriger Gründer fragst du dich nicht: ‚Wie haben es die anderen früher gemacht?’ Du fragst dich: ‚Was könnte man Neues machen?’ Das hat mich auf die Idee gebracht, dass man sich auch explizit mit dem Thema Zukunft beschäftigen kann“, schildert Gatterer, der erst noch einige Umwege beschreiten sollte, ehe er zum Zukunftsinstitut und dessen Gründer Matthias Horx, eine Koryphäe im Bereich der Trendforschung, stieß.

Nach drei Jahren und dem schleppend laufenden Versuch, sein Erfolgskonzept als Franchise-System auszubauen, stieg Gatterer aus seinem Möbelgeschäft – das noch heute besteht – aus. „Zwei Jahre lang habe ich viel gelesen, gelernt und bin herumgereist – nicht zum Spaß, sondern weil ich Wissen aufbauen wollte.“

Die ausgeprägte Neugier an der Zukunft trieb ihn an, sich intensiv mit verschiedenen Bereichen zu beschäftigen. „Die Zukunft ist nie einfach, sie hat immer sehr viele Variablen. Wenn Sie sich mit ihr beschäftigen, brauchen Sie also komplexe Methoden sowie systemisches Denken und Verstehen. Das finden Sie in den Wissenschaften, etwa der Komplexitätstheorie, Systemtheorie, Soziologie, Psychologie, etc.“, weiß der Autodidakt.

Mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet begann Gatterer, das Zukünftige auch zu seiner beruflichen Zukunft zu machen. Erst beratend, dann als Autor, Speaker und Leiter des Zukunftsinstituts.

Aber was ist eigentlich das täglich Brot eines Zukunftsforschers? „Das kann man so typisch gar nicht sagen“, meint Gatterer. Ein Teil seiner Mitarbeiter, die sich aus diversen wissenschaftlichen Disziplinen und persönlichen Hintergründen rekrutieren, widmet sich klassischer Forschung, sammelt Daten, verarbeitet sie, beschäftigt sich mit qualitativer und quantitativer Auswertung.

Wesentlich ist aber vor allem der Austausch mit einem breiten Netzwerk von Vordenkern. „Das sind Menschen, die in der Lage sind, über den allgemeinen Bewusstseinszustand einer Gesellschaft hinauszudenken, die über eine Methodik verfügen, mit der man etwas breiter sehen kann“, beschreibt Gatterer diese „Mind Changer“. Mit ihnen arbeitet das Zukunftsinstitut in konkreten Projekten zusammen, pflegt aber auch einen lockeren, ständigen Diskurs.

„Das ist vielleicht der große Unterschied zur alten Trendforschung. Sie war so etwas wie ein Guru-Tool, das einige wenige, bekannte Vertreter hervorgebracht hat. Das ist aber nicht mehr zielführend. Heute geht es darum, kluge Wissensnetzwerke zu bilden, um die jeweilige Fragestellung mit den richtigen Menschen bearbeiten zu können.“

Wenn man nur im Verteidigungsmodus ist, erstickt das neue Gedanken.

Das Zukunftsinstitut sieht sich als Hafen, in dem sich diese Menschen wohlfühlen und ihren Gedanken freien Lauf lassen können. Eine Atmosphäre, in der offenes, freies Denken möglich ist, sieht Gatterer als zentrale Zutat, um die Zukunft adäquat betrachten zu können. „Das ist leider kaum noch zu finden, auch nicht auf Universitäten. Wer dort wissenschaftlich arbeitet, befindet sich vielmehr im ständigen Verteidigungskampf als in der Erzeugung von Gedanken“, schildert er. „Verteidigung bzw. Kritik ist ein wichtiges Element der Wissenschaft – das ist bei uns genauso, aber wenn man nur mehr im Verteidigungsmodus ist, erstickt das neue Gedanken.“

Bei einem Leben in der Gegenwart und mit nach vorne gerichtetem Blick stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Bedeutung für Gatterer eigentlich die Vergangenheit hat. „Sie ist wichtig, weil man an ihr Muster erkennen und ein Verständnis aufbauen kann. Wir bauen unser gegenwärtiges Denken über die Welt auf das auf, was vorher passiert ist. Deswegen müssen wir uns fragen, was uns geprägt hat, welche Momente die inspirierenden waren“, erklärt er. „Denken Sie an Newton und seine Gesetzmäßigkeiten – sie prägen uns heute im Alltag und doch denken wir keine Sekunde darüber nach. Aber es ist wahnsinnig spannend zu verstehen, wie diese Gesetzmäßigkeiten entstanden sind, was Newton getan hat und in welchem Umfeld er sie entdeckt hat.“

Auch davon, welche Funktion und Bedeutung Zukunftsforschung haben soll, hat Gatterer eine genaue Vorstellung: „Für mich geht es am Ende immer um eine Form des Neu- und Andersdenkens über die Welt und wir versuchen mit unserer Arbeit dieses Denken zu öffnen. Wir wollen aufzeigen, dass es Entwicklungen gibt, von denen man vielleicht keine Ahnung hat und die man im Alltag nicht bewusst wahrnimmt, die aber für die Zukunft relevant sind. Es geht uns darum, die Art des Denkens zu verändern, denn unsere Wahrnehmung erzeugt unsere Realität“, sagt er und verweist auf ein Beispiel: „Es entsteht momentan in der Gesellschaft der subjektive Eindruck, dass alles immer schlimmer wird. Tatsächlich hat sich die Welt aber in diversen statistischen Kategorien verbessert.“

Wenn man die Zukunft und ihre Entwicklungen verstehen möchte, lohnt sich also ein Blick in die Vergangenheit. Darüber hinaus benötigt es laut Gatterer vier Voraussetzungen, um sich ernsthaft mit der Zukunft zu beschäftigen:

1 Gelassenheit

„Lassen Sie eine Frage einfach einmal auf sich wirken. Die Zukunft hat nichts mit Hektik und Geschwindigkeit zu tun, wie es uns im Moment eingeredet wird. Es muss nicht alles superschnell gehen, fancy, disruptiv und superdigital sein. Das ist nur ein Ausschnitt der Wahrheit. Natürlich gibt es Veränderungen, die man auf Technologie zurückführen muss und die einen Einfluss auf die Zukunft haben. Aber das ist nicht alles. Gerade um diese Veränderungen zu verstehen, braucht es die Gelassenheit.“

2 Systemisches Denken

„Sie müssen systemischer denken, als wir Menschen es im Alltag gewohnt sind. Banal gesagt: Sie müssen lernen, drei oder vielleicht vier Mal um die Ecke zu denken. Denn der geradlinige, vermeintlich richtige Weg, dieser erste Schluss, ist meist der falsche. Denken Sie nicht linear, sondern in Zyklen und Feedbackloops.“

3 Wissen über die eigene Wirksamkeit

„Der exzessive Blick nach außen ist nicht der Zukunftsblick, der Blick in die Selbstwirksamkeit ist der Zukunftsblick. Sie müssen sich – als Unternehmer genauso wie als Mensch – in den Kontext ihrer Umwelt setzen, Ihre eigene Wirksamkeit kennen und wissen, was gerade in der Welt passiert. Nehmen Sie das Beispiel von Data-Driven-Unternehmen, die ihre täglichen Entscheidungen wesentlich aufgrund von großen Datenmengen treffen. Wenn man sich diese Unternehmen genauer ansieht, merkt man aber, dass sie genau über ihr Kundenpotenzial und ihre Wirkmechanismen Bescheid wissen. Sie haben sich intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt, bevor sie sich mit den Daten von außen beschäftigt haben.“

4 Zukunftsoptimismus

„Sie brauchen einen grundsätzlichen Glauben an die Zukunft. Wenn Sie den nicht haben, warum sollten Sie sich dann mit der Zukunft beschäftigen? Wir sprechen bewusst von einem kritischen Zukunftsoptimismus, denn natürlich muss man auch Krisen interpretieren, die Menschen negativ berühren und betreffen. Wir malen die Welt nicht rosa, aber wir vertreten ein positives Grundbekenntnis zur Zukunft. Wenn Sie glauben, dass alles den Bach runter geht, dann haben Sie sich für die Beschäftigung mit der Zukunft eigentlich schon disqualifiziert.“